Die Weltenformel – Buchcover

Im Jahr 2016 stellte der neue Herausgeber der Thüringer Edition Muschelkalk, André Schinkel, eine Sammlung neuer Geschichten von Holger Uske zusammen. Die 22 Erzählungen, Geschichten und Betrachtungen, wie sie der Herausgeber kennzeichnet, vereinen Texte aus jüngster Zeit. Das neue Buch wurde am 19. März 2016 zur Leipziger Buchmesse erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Zweiundzwanzig sind ein klassisches Dutzend. Diese gewissermaßen anagrammatische Zahl steht für Abgeschlossenheit, den Willen zur inneren Vollkommenheit, das Ideal einer nach innen wie außen wirkenden Rundung einer Sache. Zweiundzwanzig Texte enthält die neueste, hier vorliegende Prosasammlung Holger Uskes, eine Auswahl der Produktion der Jahre 2006 bis 2015, flankiert von zwei mit Bedacht gesetzten älteren Texten, die einen filigranen Steg zu den früheren Sammlungen des Suhler Autors legen."

„Uskes Arbeit, in der Lyrik wie seiner Prosa und in den gelegentlichen poetologischen Einlassungen, ist durch sein Ringen um ein nahezu absolutes, punktgenaues Sprechen bezeichnet. Am augenfälligsten mag das sein in seinen Gedichten – die lyrische Gattung fordert das am ehesten heraus. Sie treibt aber auch in seiner Erzählkunst erstaunliche Volten: Einmal seziert sie eine Situation bis aufs Mark, ein anderes Mal stockt das Sprechen, als wäre es auf der Suche nach dem richtigen Wort, mühte sich nicht zuletzt auch um die Bebilderung der Ratlosigkeit, die mit den oft hoch existentiellen Themen dieser Weltenformeln en miniature einhergehn."

(André Schinkel, Nachwort)

Holger Uske während seiner Lesung zur Leipziger Buchmesse am 19.3.2016. Foto: D. Schmidt

Der Autor während seiner Lesung zur Leipziger Buchmesse am 19.3.2016. Foto: D. Schmidt

Neue Geschichten · Edition Muschelkalk Band 43 · Wartburg Verlag Weimar 2016 · ISBN 978-3-86160-343-6 · 14,00 € · im Buchhandel erhältlich

DIE WELTENFORMEL (Titelerzählung)

Conrad Bradow schrieb sorgsam die vier Buchstaben auf. Er zog sie nicht sonderlich aus, wie er es zu Hause manchmal mit Initialen vornahm zu Beginn eines neuen Briefabschnitts. Er hatte eh keine Tusche zur Hand. Er notierte die Zeichen in sein kleines Arbeitsbuch, das er stets bei sich trug. Dann hob er zufrieden den Kopf und schaute in die Runde.

Es war die Bahn, die er täglich nahm. In der ihm Passanten vertraut vorkamen: die sich ähnelnden Gesichter, wenn er jemand vom Morgen am Nachmittag wiedererkannte, die Mäntel, die gerade in die oder aus der Mode kamen, so dass sie noch rasch abgetragen werden mussten, sei das Wetter auch, wie es sei. Die Wisch-und-Weg-Blicke über Smartphones bei Tag und bei Nacht, das Lächeln, das einer Maschine galt statt einem Gegenüber. Er war jetzt 54 Jahre alt, 9 Monate und 21 Tage; sein inneres Zählwerk funktionierte präzise. So lange hatte er warten müssen. Jetzt war die Formel da. Diese Schwingung in den Bögen. Die Lautung dahinter, die seine Lippen wie unabsichtlich formten. Stummer Singsang, dachte er bei sich, ja, das würde sich fügen.

(aus der Titelerzählung des Bandes)

Zuhörer bei der Premiere der Weltenformel auf der Leipziger Buchmesse 2016. Foto: D. Schmidt

Aufmerksame Zuhörer am Lesestand Buchkunst und Grafik der Leipziger Buchmesse, 19. März 2016. Foto: D. Schmidt

AM STEG

Das Mädchen lässt die Füße baumeln. Sie ist klein, ihre Füße reichen nicht bis zum Wasser. Auf den Knien liegt, von Pappdeckeln gehalten, ein Schreibheft. Vielleicht sind die Umschlagseiten bunt, laden ein zum Träumen. Das kann ich von meiner Bank am Berghang aus nicht erkennen. Aber ich sehe, wie das Kind am Bleistift kaut, dann langsam weiter schreibt. Vielleicht ist die Schrift noch ungelenk. Vielleicht aber setzt sie die Buchstaben auch in schönen Schwüngen aufs Papier. Blonde Zöpfe, keine roten. Eines dieser Sommerkleider, in denen man springen und tanzen kann. Und still am Wasser sitzen. Sie schaut in den Himmel, an dem nur wenige Wolken ziehen. Sie schaut aufs Wasser, verfolgt vielleicht die Spiegelungen dort. Oder gelten die noch nichts, wenn man gerade erst gelernt hat, mit Worten zu malen? Sie schaut hinüber zum Wald. Ich kann ihrem Blick folgen. Möglich, dass zwischen den Stämmen zierliche Tierköpfe hervorlugen für sie. Dass dort, wo der Steg die Wiese erreicht, kleine Wesen ihre Köpfe wiegen, Faune, Feen, die ich längst nicht mehr erkennen kann. Sollte ich es probieren?

Blinzeln, bis ich kurz vorm Augenschließen eine kleine Bewegung erhasche? Die könnte von einem noch kleineren Wesen kommen, das mit trippelnden Schritten zu dem Mädchen hinüber huscht, das Papier betrachtet, dem Kind auf die Schulter klettert. Vielleicht flüstert es ihm etwas ins Ohr. Das Mädchen jedenfalls verhält einen Moment, muss lächeln, als ob sie gekitzelt werde, wischt sich über die Schulter. Dann schreibt sie weiter, scheint beinahe dem kleinen Wesen über den Kopf zu streichen. Aber ich kann mich auch täuschen. Es ist nur ein Ziehen am Ärmel des Kleides, ein Lichtspiel überm Steg, das mich narrt. Die Buchstaben wachsen auf dem Papier. Zwischen den Blättern, den Zweigen und Ästen beobachten viele verborgene Augen, was geschieht. Ob sich die Buchstaben lösen können vom Untergrund, aufsteigen und eine Runde drehen um den See. Ob sie einfach ins Wasser fallen, tropfnass zurückkehren und den ganzen Satz verschmieren. Ob sie probieren, selbst zum Blatt zu werden, zum Baum, zum Stein. Zum Säuseln des Windes im Gezweig. Es ist so still, dass ich die Wellen am Ufer hören kann. Die Beine des Mädchens wippen hin und her. Und ihr Bleistift gibt den Rhythmus dieser Stunde vor.


„Am schönsten, stillsten fügt sich das wacklige Idyll im kleinsten Text der Sammlung, der zarten Miniatur ‚Am Steg', die so etwas wie eine zweite Titelgeschichte hätte sein können. Hier ist der Traum von der großen Selbstvergessenheit, denke ich, ausgeführt, um den sich die Träume und Sehnsüchte der anderen Storys herumtasten und -schlängeln, eine Art, sich, und wenn es nur für den sprichwörtlichen Moment ist, Erfüllung zuzusprechen …" (André Schinkel)

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